Prüfungsschema
Internationale außervertragliche Schuldverhältnisse nach der Rom II–VO
Internationale außervertragliche Schuldverhältnisse nach der Rom II-VO Rom II-VO · Art. 1 Rom II-VO · Art. 2 Rom II-VO · Art. 3 Rom II-VO · Art. 4 Rom II-VO · Art. 5 Rom II-VO · Art. 6 Rom II-VO · Art. 23 Rom II-VO · Art. 24 Rom II-VO · Art. 26 Rom II-VO · Art. 28 Rom II-VO · Art. 31 Rom II-VO · Art. 32 Rom II-VO · Art. 12 I e) Rom I-VO Dieses Schema prüft die Anwendbarkeit der Rom II-Verordnung und die Bestimmung des anwendbaren Rechts für internationale außervertragliche Schuldverhältnisse, wie unerlaubte Handlungen, Bereicherungsrecht, Geschäftsführung ohne Auftrag und vorvertragliche Pflichtverletzungen.
Art. 7 Rom II-VO ·Art. 8 Rom II-VO ·Art. 9 Rom II-VO · Art. 10 Rom II-VO · Art. 11 Rom II-VO · Art. 12 Rom II-VO · Art. 14 Rom II-VO ·
I. Anwendungsbereich der Rom II-Verordnung
1. Vorrang völkerrechtlicher Verträge
Art. 28 Rom II-VO Die Rom II-VO lässt die Anwendung völkerrechtlicher Verträge unberührt, denen ein Mitgliedstaat zum Zeitpunkt des Erlasses der Verordnung angehört.
2. Zeitliche Anwendbarkeit
Art. 31, 32 Rom II-VO Die Rom II-VO ist auf Schadensereignisse anwendbar, die sich ab dem 11. Januar 2009 ereignet haben. Für frühere Fälle gilt das Recht vor der Rom II-VO (z.B. Art. 38-42 EGBGB).
3. Räumliche Anwendbarkeit
Art. 1 I 1 Rom II-VO Es muss ein außervertragliches Schuldverhältnis vorliegen, das eine Verbindung zum Recht verschiedener Staaten aufweist.
Eine Verbindung zu EU-Staaten ist nicht zwingend erforderlich (universeller Anwendungsbereich).
4. Sachliche Anwendbarkeit
Art. 1 I 1 Rom II-VO Die Rom II-VO gilt für außervertragliche Schuldverhältnisse in Zivil- und Handelssachen.
Definition
Außervertragliche Schuldverhältnisse
Umfasst insbesondere unerlaubte Handlungen, Geschäftsführung ohne Auftrag (GoA), Bereicherungsrecht und vorvertragliche Pflichtverletzungen (culpa in contrahendo), vgl. Art. 2 I Rom II-VO.
Ausnahmen Nicht anwendbar sind die in Art. 1 I 2 und Art. 1 II Rom II-VO genannten Bereiche (z.B. Steuer- und Zollsachen, Familienrecht, Wechsel- und Scheckrecht, Gesellschaftsrecht, etc.).
Problem
Rückabwicklung nichtiger Verträge
Ansicht
Die Rom II-VO ist nicht anwendbar auf die Rückabwicklung nichtiger Verträge (z.B. §§ 812 ff. BGB). → Hierfür bleibt Art. 12 I e) Rom I-VO anwendbar, da die Rückabwicklung als vertragsnahes Schuldverhältnis gilt. Die Rom I- VO verweist auf das Recht, das auf den Vertrag anzuwenden gewesen wäre, wenn er gültig gewesen wäre.
II. Rechtswahl (Subjektive Anknüpfung), Art. 14 Rom II-VO
1. Grundsatz
Art. 14 I Rom II-VO Die Parteien können das auf außervertragliche Schuldverhältnisse anwendbare Recht wählen.
2. Arten der Rechtswahl
a) Nachträgliche Rechtswahl
Uneingeschränkt möglich, Art. 14 I 1 a) Rom II-VO.
b) Vorherige Rechtswahl
Nur möglich, wenn beide Parteien einer kommerziellen Tätigkeit nachgehen und das Delikt mit dieser Tätigkeit im Zusammenhang steht, Art. 14 I 1 b) Rom II-VO.
c) Form der Rechtswahl
Die Rechtswahl kann ausdrücklich oder konkludent erfolgen, Art. 14 I 2 Rom II-VO.
3. Grenzen der Rechtswahl
a) Zwingendes Recht
Die Rechtswahl darf die Anwendung zwingender Bestimmungen des Inlands- oder Unionsrechts nicht berühren, Art. 14 II, III Rom II-VO.
b) Öffentliche Ordnung (ordre public)
Die Anwendung einer Rechtsnorm des gewählten Rechts kann versagt werden, wenn sie der öffentlichen Ordnung des Forumstaates offensichtlich widerspricht, Art. 26 Rom II-VO.
III. Objektive Anknüpfung (Mangels Rechtswahl)
1. Unerlaubte Handlungen (Deliktsrecht)
a) Besondere Deliktstypen
Für bestimmte Deliktstypen gelten spezielle Anknüpfungsregeln:
Produkthaftung — Art. 5 Rom II-VO Unlauterer Wettbewerb und Handlungen, die die freie Konkurrenz beschränken — Art. 6 Rom II-VO Umweltschäden — Art. 7 Rom II-VO Verletzung von Immaterialgüterrechten — Art. 8 Rom II-VO Arbeitskampfmaßnahmen — Art. 9 Rom II-VO
b) Allgemeine Regel (Art. 4 Rom II-VO)
Sofern keine besonderen Deliktstypen vorliegen, gilt die allgemeine Regel:
aa) Gemeinsamer gewöhnlicher Aufenthaltsort
Haben Schädiger und Geschädigter ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort im selben Staat, ist das Recht dieses Staates anzuwenden, Art. 4 II Rom II-VO. Die Legaldefinition des gewöhnlichen Aufenthaltsorts findet sich in Art. 23 Rom II-VO.
bb) Erfolgsort (Regelanknüpfung)
Andernfalls ist das Recht des Staates anzuwenden, in dem der Schaden eintritt, Art. 4 I Rom II-VO.
cc) Ausnahmeklausel (Engere Verbindung)
Ergibt sich aus der Gesamtheit der Umstände, dass das außervertragliche Schuldverhältnis eine offensichtlich engere Verbindung zu einem anderen Staat aufweist, ist das Recht dieses anderen Staates anzuwenden, Art. 4 III Rom II-VO.
2. Bereicherungsrecht
Art. 10 Rom II-VO Das auf eine ungerechtfertigte Bereicherung anzuwendende Recht bestimmt sich nach Art. 10 Rom II-VO.
3. Geschäftsführung ohne Auftrag (Geschäftsführung ohne Auftrag)
Art. 11 Rom II-VO Das auf eine Geschäftsführung ohne Auftrag anzuwendende Recht bestimmt sich nach Art. 11 Rom II-VO.
4. Vorvertragliche Pflichtverletzungen (culpa in contrahendo - CiC)
Art. 12 Rom II-VO Das auf vorvertragliche Pflichtverletzungen anzuwendende Recht bestimmt sich nach Art. 12 Rom II-VO.
IV. Rechtsfolgen der Anknüpfung
1. Sachnormverweisung
Grundsatz Die subjektive und objektive Anknüpfung führt zu einer Sachnormverweisung. Es wird direkt auf das materielle Recht des verwiesenen Staates verwiesen.
2. Ausschluss der Rück- und Weiterverweisung
Art. 24 Rom II-VO Die Verweisung auf das Recht eines Staates bedeutet die Anwendung der in diesem Staat geltenden Sachvorschriften unter Ausschluss des Kollisionsrechts dieses Staates (kein Renvoi).
3. Anwendbares Recht
Art. 3 Rom II-VO Das nach der Rom II-VO bestimmte Recht ist anzuwenden, auch wenn es nicht das Recht eines Mitgliedstaats ist.